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Rotes Männchen, Grünes Männchen


Das Rote Männchen und das Grüne Männchen waren sehr aufgeregt. Sie konnten es kaum abwarten, dass es dunkel wurde, denn sie wollten auf ein großes Abenteuer gehen. Ihr ganzes bisherige Leben hatten das Rote und das Grüne Männchen in einer Verkehrsampel zugebracht, nie waren sie irgendwo anders gewesen. Jeden Tag beobachteten sie die Leute, wie sie den Knopf drückten und auf das Aufleuchten des Grünen Männchens warteten, damit sie die Kreuzung sicher überqueren konnten. In der übrigen Zeit war es Aufgabe des Roten Männchens hell zu strahlen, und so die Leute vor dem Überqueren zu warnen, solange bis der Verkehr anhielt.

Tag für Tag, Nach für Nacht und bei jedem Wetter sorgten das Grüne und das Rote Männchen dafür, dass jedermann die Straße sicher überqueren konnte. Ob morgens auf dem Weg zur Schule oder Mittags auf dem Weg zurück nach Hause, alle Kinder drückten den Knopf an der Ampel und warteten auf das Grüne und das Rote Männchen, damit sie ihnen sagten, wann sie die Straße überqueren durften. Auch viele andere Leute, die auf dem Weg zur Arbeit waren oder einkaufen gehen wollten, drückten tagsüber den Knopf. Eigentlich war die einzige Zeit, wo niemand den Knopf drückte, mitten in der Nacht, wenn alle Leute schliefen.

Weil das Rote und das Grüne Männchen nun seit jeher in der Ampel lebten, hatten sie keine Ahnung, was es da draußen sonst noch so alles gab. Sie wussten nicht, dass die Menschen in Häusern wohnten und viele unterschiedliche Dinge taten. Sie wussten nicht einmal, dass es gleich um die Ecke noch eine weitere Ampel gab und dass in dieser Ampel ebenfalls ein Grünes und ein Rotes Männchen wohnten.

Jetzt aber war ihnen ihr Leben in der Ampel langweilig geworden. Sie wollten endlich einmal hinaus und etwas Lustiges erleben. Und sie hatten auch einen Plan. Sie würden abwarten, bis in der Nacht alles ruhig geworden war, und dann aus ihrer Ampel hinausklettern und auf Erkundungstour gehen. Sie dachten, wenn sie rechtzeitig zurückkehrten, bevor am nächsten Morgen all die Mädchen und Jungen kämen, um die Straße zu überqueren, dann würde niemand je etwas von ihrem nächtlichen Abenteuer erfahren.

Es wurde nun langsam dunkel. Und als der Verkehr nachzulassen begann und die Straße ruhiger wurde, da konnten das Rote und das Grüne Männchen es vor Aufregung kaum noch abwarten. Auch der Verkehr an der Kreuzung hatte nachgelassen. Jetzt drückten nur noch die wenigen Leute auf den Knopf, die spät unterwegs gewesen waren und sich nun auf dem Weg nach Hause befanden. Ein paar Autos fuhren noch vorbei und das Rote und das Grüne Männchen wussten, bald war die Zeit für ihr Abenteuer gekommen. Schließlich wurde es ganz still, der Mond schien hell und die Sterne funkelten am Himmel.

Als erstes kletterte das Rote Männchen aus der Ampel und rutschte an dem Pfosten nach unten. Dicht hinter ihm folgte das Grüne Männchen. Dann liefen sie, Hand in Hand, hinüber auf die andere Straßenseite. Genau gegenüber von ihrer Verkehrsampel stand natürlich eine weitere Ampel und darin lebten ebenfalls ein Grünes und ein Rotes Männchen. Sie leuchteten für die Leute, die die Kreuzung in entgegengesetzter Richtung überqueren wollten. Als nun unsere beiden Männchen über die Straße liefen, winkten sie dem Roten Männchen in der gegenüber liegenden Ampel zu und riefen, „Komm mit uns, wir gehen auf ein Abenteuer. Bring das Grüne Männchen auch mit, zusammen werden wir bestimmt viel Spaß haben.“ Nun, das Rote und das Grüne Männchen aus der gegenüberliegenden Ampel fanden, das sei eine gute Idee und ließen sich am Pfeiler hinabgleiten, um sich ihren Freunden anzuschließen. Jetzt waren sie also zu viert, zwei Rote und zwei Grüne Männchen, startbereit für ihr großes Abenteuer.

Alle Dinge sahen riesengroß aus für die vier Männchen, denn sie selbst waren ja sehr klein. Bisher hatten sie immer hoch oben in den Verkehrsampeln gesessen und von dort auf die Menschen hinuntergeblickt. Jetzt war es für die Roten und Grünen Männchen ein sehr merkwürdiges Gefühl plötzlich so weit unten zu sein.

In all der Aufregung hatten sie auch gar nicht bemerkt, dass ihr Ausstieg aus den Ampeln von einer Katze beobachtet worden war. Die Katze dachte sich, es wäre ein großer Spaß, plötzlich und unerwartet auf die Roten und Grünen Männchen zuzuspringen.  Geduldig und sprungbereit lag sie auf der Lauer und wartete nur auf den richtigen Augenblick. Dabei wusste die Katze aber nicht, dass ein großer Hund nicht weit entfernt ebenfalls auf der Lauer lag. Auch er wartete sprungbereit auf den richtigen Augenblick, um sich auf die Katze zu stürzen. Zur gleichen Zeit nun, als die Katze zum Sprung auf die Grünen und Roten Männchen ansetzte, sprang der große Hund auf die Katze zu. Auweia, unsere vier Männchen dachten bereits, sie würden als Katzenfutter enden, doch der Hund hatte die Katze vorerst vertrieben.

”Lasst uns abhauen, bevor die Katze zurückkommt”, rief das Grüne Männchen und alle vier rannten los. Und wie sie so über den Gehsteig am Straßenrand liefen, da erblickten sie plötzlich etwas, das sie abrupt anhalten ließ. Na, was glaubt ihr, haben sie gesehen? Nun, genau vor ihnen stand noch eine Verkehrsampel und in ihr leuchtete ein weiteres Rotes Männchen. Wie konnte das nur sein? Unsere Männchen verstanden es einfach nicht, wie konnten sie an zwei Orten gleichzeitig sein? Das Grüne Männchen beschloss den Pfeiler zu erklimmen und den daran befindlichen Knopf fürs Überqueren zu drücken. Sofort leuchtete ein weiteres Grünes Männchen auf. „Komm mit uns, wir gehen auf ein Abenteuer. Bring das Rote Männchen auch mit, wir werden bestimmt viel Spaß haben“ rief unser Grünes Männchen. Das Rote Männchen in der Ampel aber schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, wir müssen hier bleiben, die Ampel zu verlassen ist zu gefährlich für uns. Wenn wir uns verlaufen und nicht rechtzeitig zurück sind, ist morgen früh niemand hier, der den Kindern sicher über die Straße hilft.“ Dann legte es sich wieder hin und schlief weiter.

Unsere vier Grünen und Roten Männchen aber wollten sich ihren Spaß nicht verderben lassen und so zogen sie weiter die Straße hinauf. Schon nach kurzer Zeit kamen sie an einen Spielplatz. Auf einer der Schaukeln saß eine andere Katze. Sie beobachtete ruhig, wie die beiden Roten und die beiden Grünen Männchen den Spielplatz überquerten und begannen auf der Rutsche zu spielen. Oh, was hatten die vier Männchen einen Spaß! Einer nach dem anderen glitten sie die Rutsche hinab und die Grünen Männchen riefen den Roten Männchen zu, „Wir sind viel schneller als ihr!“ Sie hatten so viel Spaß, dass sie gar nicht bemerkten, dass die Katze immer näher und näher auf die Rutsche zuschlich, in der Absicht, genau in dem Moment auf die kleinen Männchen zuspringen, wenn sie die Rutsche hinunterglitten. Trotz all ihrer List erwartete die Katze jedoch ein riesengroßer Schock. Sie wusste nämlich nicht, dass die kleinen Roten und Grünen Männchen aus Elektrizität gemacht waren, damit sie in den Verkehrsampeln leuchten konnten. Als nun die Katze auf die kleinen Männchen zusprang, ging ein scheußlich kribbeliges Gefühl durch ihren ganzen Körper und ließ ihre Haare zu Berge stehen. Miau, miau, miau rief sie und lief so schnell sie konnte davon.

Zufrieden sahen die vier kleinen Männchen einander an und begannen zu lachen. Vor Katzen brauchten sie jetzt keine Angst mehr zu haben.

Nun war es an der Zeit die Schaukeln auszuprobieren. Aber so sehr sie sich auch bemühten, die Männchen waren zu klein, um die Schaukeln zu bewegen. Und genauso erging es ihnen auf dem Karussell. Sie waren einfach nicht stark genug, um es anzuschieben. „Egal, macht ja nichts“, dachten sie, „dann gehen wir eben noch einmal auf die Rutsche.“

Nachdem sie noch eine Weile gerutscht waren, begannen die vier Männchen sich zu fragen, was es wohl sonst noch zu entdecken gab, und so hüpften sie herunter vom Spielplatz und zurück auf die Straße. Bei all dem Spaß fühlten sich die beiden Roten und die beiden Grünen Männchen mittlerweile überglücklich. Lachend sprangen sie umher, nie zuvor war ihr Leben so aufregend gewesen. Oh, und wie sehr wünschten sie, ihr Abenteuer würde niemals zu Ende gehen.

Um sie herum war alles still. Die Fenster in den Häusern entlang der Straße waren dunkel, denn alle Leute schliefen und alle Geschäfte waren geschlossen. Als nächstes erreichten unsere vier kleinen Männchen die Schule und sie beschlossen den dazugehörigen Schulspielplatz auszukundschaften. Das besondere an diesem Spielplatz war die darauf befindliche Tunnelanlage. Sie bestand aus mehreren langen Rohren, durch die die Kinder kriechen und sich verstecken konnten. „Lasst uns in den Tunneln verstecken spielen“, sagte das Grüne Männchen. „OK, du versteckst dich und wir zählen“, sagte das Rote Männchen.

Das Spiel machte ihnen so viel Spaß, dass sie gar nicht bemerkten, wie eine riesige Ratte auf sie zugekrochen kam. Die Ratte hatte gerade in den Mülltonnen nach etwas Essbarem gesucht, als sie plötzlich die vier köstlich aussehenden kleinen Männchen entdeckte und beschloss diese stattdessen zu verspeisen. Das Rote Männchen hatte ein gutes Versteck im Tunnel gefunden und verhielt sich so ruhig es konnte, damit die anderen es nicht entdeckten. Plötzlich fühlte er, wie etwas nach seinem Bein schnappte. Er blickte nach unten und sah die Ratte mit seinem Bein in der Schnauze. „Die Elektroschockbehandlung“, dachte er für sich. Aber es funktionierte nicht, er allein hatte nicht genug Kraft um die Ratte zu verscheuchen. „Hilfe“, schrie er, „ich werde von einer Ratte gefressen!“ Da eilten auch schon seine drei Freunde herbei um ihm zu helfen. Das Rote Männchen und die beiden Grünen Männchen sprangen auf den Rücken der Ratte um ihren Freund zu retten. Aus allen drei Männchen zusammen kam nun genug Elektrizität um der Ratte den Rücken zu verbrennen und die ließ auch sofort von dem Roten Männchen ab. „Aufhören, aufhören!“, schrie sie und rannte fort.

Nachdem die Ratte verschwunden war, fühlten sich die vier kleinen Männchen sehr erschöpft. Sie hatten jetzt doch ein wenig Angst bekommen. Also schlüpften sie durch das Schultor zurück auf die Straße und machten sich auf den Weg nach Hause.

Da erblickten sie plötzlich in entgegengesetzter Richtung etwas Riesiges, das wie ein Monster aussah. Es machte viel Lärm, es verspritze Wasser und es hatte vier große Bürsten an den Seiten. Natürlich, es war nur die Straßenkehrmaschine, die jede Nacht die Straßen säuberte. Aber das wussten die vier kleinen Männchen ja nicht. Sie dachten, es wäre ein riesiges Monster und beschlossen, sich ganz dicht aneinander gedrängt an einen Laternenpfahl zu hocken, so lange bis es wieder fort wäre. Als das Monster aber an ihnen vorbei fuhr, passierte etwas sehr seltsames. Als das Wasser, das die Straßenkehrmaschine versprühte, mit den vier kleinen Männchen in Kontakt kam, begannen diese Funken zu sprühen. Es war die Elektrizität in Verbindung mit dem Wasser, das diese Funken verursachte. Die Männchen aus der Ampel fanden das sehr lustig und begannen, sobald die Straßenkehrmaschine verschwunden war, in die Wasserpfützen zu springen, die diese hinterlassen hatte. Immer höher sprangen sie, so dass das Wasser auf sie spritzte und die Funken in alle Richtungen sprühten. So viele grüne und rote Funken flogen durch die Luft, dass es schöner als ein Feuerwerk war. Die Roten und die Grünen Männchen hatten jetzt wirklich einen Riesenspaß, nie zuvor hatten sie etwa so Lustiges erlebt. Sie sprangen die ganze Nacht hindurch in den Pfützen herum und spritzen sich gegenseitig nass, bis das ganze Wasser verschwunden war.

Tatsächlich hatten die vier Männchen so viel Spaß, dass sie vollkommen vergaßen, rechtzeitig am Morgen in ihre Verkehrsampel zurückzukehren. „Oh nein“, sagte das Rote Männchen, „es ist gar nicht mehr dunkel“. Der Mond und die Sterne waren verschwunden und ein neuer Tag brach an. Es war Morgen und die Kinder würden an der Kreuzung stehen und darauf warten, dass sie die Straße überqueren konnten. Oh je, was sollten die beiden Roten und die beiden Grünen Männchen jetzt nur tun? Es war wirklich wichtig, dass sie in die Ampeln zurückkehrten bevor irgendjemand etwas merkte. Da die vier Männchen so klein waren, nützte es auch nichts, dass sie schnell liefen. Ihre kleinen Beine konnten sie nicht so weit tragen, und obwohl es bis zu der Ampel, in der sie wohnten, noch ein ziemlich weiter Weg war, fühlten sie sich schon bald sehr müde. Sie stoppten, um an einem Gartenzaun eine kleine Pause einzulegen.

Gerade in dem Moment kam Paul der Briefträger mit einem großen Sack voller Briefe den Gartenweg entlang. Er sah die kleinen Roten und Grünen Männlein hinter dem Gartenzaun nicht, und als er sich vorbeugte um die Briefe einzuwerfen, sprangen die vier schnell einer nach dem anderen in seinen Sack hinein. Sie kannten Paul den Briefträger, denn er stand jeden Morgen an ihrer Ampel und drückte den Knopf um auf die andere Straßenseite zu gelangen, und sie wussten, dass er auch an diesem Morgen zu ihrer Ampelkreuzung gehen würde. Dies war ihre Chance rechtzeitig zurückzugelangen, bevor all die Mädchen und Jungen sich auf den Weg zur Schule machten.

Paul der Briefträger schloss das Gartentor hinter sich und ging weiter die Straße hinunter. Immer wieder hielt er bei den Häusern an um Post in die Briefkästen zu werfen, und die kleinen Männchen mussten sehr vorsichtig sein, damit er sie nicht entdeckte. Jedes Mal wenn er in seinen Sack griff um Briefe herauszuholen, quetschten sich die kleinen Männchen hinter die Päckchen, damit er sie nicht sehen konnte. Dabei lugten sie zwischendurch immer wieder nach draußen um zu sehen wo sie gerade waren. Als sie an der Ampel vorbei kamen, wo das zweite Grüne und das zweite Rote Männchen wohnten, konnten Sie Leute sehen, die die Straße überqueren wollten. Da wurde ihnen klar, dass sie zu spät kamen. Die Kinder würden an ihrer Ampel auf das Rote und das Grüne Männchen warten. Was aber würden sie tun, wenn kein Rotes und kein Grünes Männchen erschien um sie sicher auf die andere Straßenseite zu geleiten?

Nachdem die Männchen noch einige Zeit in Pauls Sack hin und her geschüttelt worden waren, wurde es plötzlich ruhig. Das Rote Männchen lugte hinaus um zu sehen wo sie waren. Paul der Briefträger wartete zusammen mit vielen Kindern an der Verkehrsampel. Die Kinder drückten immer wieder den Knopf, aber nichts passierte. Die Ampel funktionierte nicht, weil das Grüne und das Rote Männchen auf ein Abenteuer gegangen waren.

„Wo ist das Rote Männchen und wo ist das Grüne Männchen?“ fragten die Kinder, „Bevor nicht das Grüne Männchen aufleuchtet, können wir nicht über die Straße.“ Paul, der Briefträger blickte auf all die Jungen und Mädchen und sagte, „Anscheinend ist die Ampel heute Morgen defekt, das Rote und das Grüne Männchen funktionieren nicht, also werde ich euch heute über die Straße führen. Aber wir müssen sehr, sehr vorsichtig sein, weil das Grüne Männchen uns ja nicht zeigen kann, wann es sicher ist.“ Aber plötzlich stoppte der Verkehr und ein Lächeln machte sich auf allen Gesichtern breit. In der Zeit, als Paul zu den Kindern gesprochen hatte, waren das Rote und das Grüne Männchen ganz schnell aus seinem Sack gesprungen und unbemerkt in die Ampel zurückgeklettert. Das Rote Männchen leuchtete auf und die Kinder wussten, das hieß für sie am Straßenrand warten. Dann leuchtete das Grüne Männchen und alle Jungen und Mädchen wussten, dass sie nun die Straße sicher überqueren konnten. Das Rote und das Grüne Männchen waren zurück in der Ampel und jedermann konnte nun wieder sicher über die Kreuzung gehen. Glücklich winkten sie den anderen beiden Männchen in der gegenüberliegenden Ampel zu. Sie waren froh wieder zu Hause zu sein, aber sie warteten auch schon gespannt auf ihr nächstes Abenteuer.

 

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